Salzburg Netz GmbH

Innovationen für die Energiewende

Pressegespräch mit:
Alois Stöger,
Bundesminister für Verkehr, Innovation und Technologie
Martin Graf, Vorstand Energie-Control Austria
Michael Strebl,
Geschäftsführer Salzburg Netz GmbH

Intelligente Stromnetze: Innovationen für die Energiewende

Stöger: Forschung & Entwicklung machen Österreich zum Frontrunner bei intelligenten Stromnetzen – Graf: Neue Rahmenbedingungen für Finanzierung der Stromnetze nötig – Strebl: Smarte Lösungen haben in Modellgemeinden Praxistest bestanden

Wien (29. Juni 2015) – Immer mehr Strom wird aus erneuerbaren Quellen wie Sonnen- oder Windkraft produziert. Unter den Produzenten sind zudem immer häufiger Haushalte, die ihren Strom etwa mit der eigenen Photovoltaikanlage selbst produzieren. Die bestehenden Stromnetze müssen sich daher mit Hilfe moderner Kommunikationstechnologien zu intelligenten Netzen weiterentwickeln. „Für diesen Wandel der Stromnetze braucht es neue technische Lösungen, die in unseren Forschungsprogrammen entwickelt werden“, sagt Technologieminister Alois Stöger.

Auf gerechte Verteilung von Kosten und Nutzen achten

Zugleich mit den Technologien müsse auch der organisatorische und institutionelle Rahmen weiterentwickelt werden, sodass am Ende effiziente, gesamtwirtschaftlich sinnvolle und sichere Gesamtkonzepte herauskommen. Dafür wollen das Technologieministerium und die E-Control ihre schon bestehende Zusammenarbeit weiter verstärken. „Besonders wichtig ist mir, dass wir auf die gerechte Verteilung von Kosten und Nutzen achten und Konsumentinnen, Konsumenten, Bürger und Bürgerinnen einbinden. Manche möchten sich einfach nur darauf verlassen können gut versorgt zu sein, immer mehr möchten aber auch aktiv teilnehmen und selbst Verantwortung für ihre Energieversorgung übernehmen“, so Stöger. Dafür bieten die neuen intelligenten Systeme und Dienstleistungen entsprechende Möglichkeiten.

Vorausschauende Technologiepolitik positioniert Österreich als Frontrunner

Das Technologieministerium ist ein Schlüsselressort zur Entwicklung intelligenter Infrastrukturen. Umwelt- und Energietechnologien sind ein großer Schwerpunkt in der Forschungsförderung des bmvit. Im internationalen Vergleich konnte Österreich in der Förderung von Energietechnologien, nicht zuletzt durch die Einrichtung des Klima- und Energiefonds, in den letzten Jahren stark aufholen. 2014 wurden über 143 Mio. Euro öffentliche Forschungsmittel in Österreich für die Energieforschung investiert, 95 Mio. Euro vom bmvit. Seit dem Jahr 2007 hat Österreich seine Aufwendungen für Energieforschung vervierfacht und liegt heute auf dem sechsten Platz unter den Mitgliedsländern der Internationalen Energieagentur (IEA).

Österreich im internationalen Spitzenfeld

„Bei intelligenten Netzen ist es uns gelungen, Österreich im internationalen Spitzenfeld zu positionieren“, betont Stöger. Durch die frühzeitige, proaktive Positionierung und die konsequente Umsetzung in den Förderprogrammen des bmvit und des Klima- und Energiefonds zählen die österreichischen Pilotprojekte, allen voran die Modellregion Salzburg, zu den zentralen Vorreiterprojekten in Europa. Erste kommerzielle Produkte – wie etwa innovative Regelungen für die aktiven Verteilnetze – sind in den Forschungsprogrammen entstanden. Nicht nur im Bereich der Technologien, auch bei smarten Dienstleistungen sind aber zunehmend Global Player wie der amerikanische Internetkonzern Google aktiv. „Wir müssen darauf achten, dass die heimischen Unternehmen  weiter im Spiel bleiben und gemeinsam ein fruchtbares Umfeld für innovative Ideen und Akteure schaffen“, betont der Bundesminister.

Strategieprozess bereitet Smart Grids Innovationsregionen vor

Mit dem aktuell laufenden Strategieprozess Smart Grids 2.0 bietet das bmvit eine Plattform für etablierte und neue Akteure, um die bisherigen Erkenntnisse aus Forschungs- und Pilotprojekten gemeinsam auszuwerten. Ziel ist es, unter breiter Einbindung von Stakeholdern konsensfähige Entscheidungsgrundlagen für die weiteren Entwicklungsschritte abzuleiten. Als erstes konkretes Ergebnis wurde im Mai die „Technologie Roadmap Smart Grids Austria“ präsentiert, die im Rahmen der Technologieplattform mit Akteuren aus Elektrizitätswirtschaft, Industrie und Forschung und unter Mitwirkung der Regulierungsbehörde erstellt wurde.

Innovationsregionen: Wegbereiter für Umsetzung von Smart Grids Lösungen

Den Erkenntnissen aus dem Strategieprozess folgend sollen als wesentlicher nächster Schritt nach den erfolgreichen technischen Pilotprojekten nun gemeinsam mit Netzbetreibern und Industrie österreichische „Smart Grids Innovationsregionen“ entwickelt werden. In großflächigen Umsetzungsprojekten können darin Systemlösungen im Realbetrieb getestet werden. „Die Innovationsregionen sollen einen fruchtbaren Nährboden für innovative Akteure bilden und Wegbereiter für die breite Umsetzung von Smart Grids Lösungen werden. Ziel ist es, international konkurrenzfähige Demonstrationsprojekte zu schaffen und einen Leitmarkt in Österreich zu stimulieren“, so Stöger. Das bmvit plant, nach dem Sommer alle Praxisakteure und zuständigen öffentlichen Stellen zum intensivierten Dialog einzuladen. Das Technologieministerium wird Projekte in den Smart Grids Innovationsregionen wie bisher mit den bestehenden Programmen aus dem Energie-, Mobilitäts-, IKT- und Sicherheitsforschungsbereich entsprechend fördern. In Zusammenarbeit mit der E-Control soll es auch möglich sein, Markt- und Geschäftsmodelle zu testen und Rückschlüsse für die Gestaltung des zukünftigen Regulierungsrahmens zu ziehen. Eine diesbezügliche erste Pilotausschreibung gemeinsam mit dem Klima- und Energiefonds und der E-Control ist bereits in Vorbereitung und soll im Herbst starten.

Struktur der Stromnetzentgelte an Herausforderungen der Zukunft anpassen

In den nächsten fünf Jahren (2015-2020) müssen rund 5,6 Milliarden Euro in Ausbau und Modernisierung der Strominfrastruktur investiert werden, betont Martin Graf, Vorstand der Regulierungsbehörde E-Control. Finanziert wird dieser Ausbau der Stromnetze über die Stromnetzentgelte. Diese machen für einen Haushalt rund ein Drittel der gesamten Stromrechnung aus und gelten dem Netzbetreiber die Kosten für Betrieb und Instandhaltung des Stromnetzes ab. „Die Energieversorgung hat sich dramatisch geändert, nicht zuletzt durch das vermehrte Aufkommen dezentraler Erzeugung. Die verursachungsgerechte Kostenaufteilung gerät immer mehr in ein Ungleichgewicht. Daher muss auch die Struktur der Stromnetzentgelte angepasst werden“, betont Graf. „Es geht vor allem um die Frage, wie die Kosten zwischen Betrieben, Haushalten und Einspeisern zukünftig verteilt werden.“ Bis 2019 soll das neue Modell der Stromnetzentgelte umgesetzt sein, wobei man einzelne Änderungen auch vorziehen könnte. „Das Ziel ist, auch zukünftig eine sichere, nachhaltige und sozial gerechte Stromversorgung sicherzustellen“, unterstreicht Graf.

Smart Grids könnten Kosten für Gesamtsystem senken

Das Übertragungsnetz (Höchstspannungsleitungen mit 380 kV und 220 kV) ist bereits in ganz Europa smart. Werden auch die Verteilnetze, die den Strom hin zu den Kunden transportieren, zu intelligenten Netzen ist mit niedrigeren Kosten des Gesamtsystems zu rechnen. „Wir hoffen, dass die Verteilnetze durch die bessere Vernetzung billiger werden“, sagt Graf. „Die Alternative wäre, dass noch mehr Geld in den Ausbau der bestehenden Leitungen investiert wird. Dieses Geld kann man sich durch eine bessere Vernetzung sparen.“ Zudem tragen intelligente Stromnetze dazu bei, dass die Stromversorgung grüner werde, sagt Graf. „Smart Grids können Ökostrom aus stark schwankenden erneuerbaren Quellen besser aufnehmen. Wer die Energiewende will, braucht auch intelligente Netze.“

Digitalisierung der Energiewirtschaft bringt Zäsur

Die Digitalisierung der Energiewirtschaft findet im Vergleich zu anderen Industriemärkten relativ spät statt. Smart Grids und die umfangreichere Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) werden für die E-Wirtschaft weitreichende Folgen haben, sagt Graf. „Wie für die Musik- oder Medienbranche wird die Digitalisierung auch für die Energiebranche eine völlige Zäsur bedeuten.“ IT-Plattformen, die energiebezogene Dienstleistungen anbieten und vermarkten, werden ein wichtiger Erfolgsfaktor im Energiesystem der Zukunft sein. So gibt es etwa in Österreich seit kurzem einen digitalen Marktplatz für Nachweise von Energieeffizienzmaßnahmen.

Traditionelle Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt

Die Digitalisierung des Energiemarktes wird traditionelle Geschäftsmodelle von etablierten Energieunternehmen zunehmend in Frage stellen. „Energieunternehmen haben eine ganz andere DNA als junge, flexible digitale Start-Ups. Die Energieunternehmen kaufen Jahre im Vorhinein ihren Strom ein, der Netzausbau wird Jahrzehnte im Vorhinein geplant. Das schnelllebige digitale Zeitalter erfordert von der E-Wirtschaft daher ein völlig neues Denken.“ Der Druck auf die Unternehmen, ihre bestehenden Geschäftsfelder zu hinterfragen, steige. Derzeit würden sich die EVU „in der Phase des Optimierens und Experimentierens befinden“, so Graf. Das biete Möglichkeiten für andere Unternehmen. „Da neue Kundenbedürfnisse durch die angestammten Versorger nicht abgedeckt werden, bieten sich für neue Marktteilnehmer Chancen.“

Salzburg als Vorreiter bei Smart Grids

In Salzburg wird die Energiezukunft bereits heute gelebt. Michael Strebl, Geschäftsführer der Salzburg Netz GmbH, erklärt: „Die Energiewende ist weit mehr als die Substitution fossiler Energieträger durch Erneuerbare – sie stellt einen vollständigen Systemwechsel dar, das bedeutet Effizienzsteigerung, intelligente Vernetzung und Digitalisierung. Unsere beiden Salzburger Leuchtturmprojekte ‚Smart Grids Modellgemeinde Köstendorf‘ und ‚Wohnanlage Rosa Zukunft‘ zeigen, dass die smarten Lösungen den Praxistest bestehen.“ Die Verschmelzung von IKT mit der Energiewirtschaft wird erstmals in der Wohnanlage Rosa Zukunft umgesetzt, das heißt das erfolgreiche Zusammenspiel von Smart Home und Smart Grid.

‚role model‘ für Energiewende

„Diese intelligente Vernetzung ist die Grundvoraussetzung für die Orchestrierung des Gesamtsystems“, so Strebl. Dazu zählen aber nicht nur dezentrale erneuerbare Erzeuger, sondern auch neue Anwendungen wie z. B. Speicher und Elektromobilität. „Wir haben mit unseren Projekten internationale Sichtbarkeit erreicht – Österreich gilt als ‚role model‘ für eine leistbare, intelligente und nachhaltige Energiewende, die im Verteilernetz stattfindet.“

Kunden sind Erfolgsfaktor

Eine Erkenntnis aus der Modellgemeinde Köstendorf ist, dass intelligente Lösungen ein Kostendämpfungsfaktor und bis zu 50 Prozent günstiger als konventionelle Ansätze sind. „Ein wesentlicher Erfolgsfaktor seien die Kunden selbst, sagt Strebl. „Sie leben unsere Idee.“ „Ein Grund, weshalb wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern Salzburg Wohnbau und Siemens einstimmig eine Fortsetzung beschlossen haben. Eine Neugestaltung von Geschäfts- und Tarifmodellen ist erforderlich, denn die Kunden können in Zukunft wesentlich dazu beitragen, dass die bestehenden Ressourcen und Netzinfrastruktur bestmöglich genutzt werden.“

Vom Netzbetreiber zum Information Utility

„Unsere Smart Grids Modellregion zeigt, dass der Systemwechsel in der Energiewirtschaft zu neuen Aufgaben führt. Der Netzbetreiber wird sich vom reinen Energieverteiler zum Systemmanager entwickeln, das heißt zum Information Utility“, ergänzt Strebl.

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